Interview mit The Annoyed

Nachdem sich "The Annoyed" leider aufgelöst haben (wieder eine geniale Band weniger), habe ich folgendes Interview mit Florentin, dem Sänger, per eMail geführt. Wer mehr über die Band wissen will, sollte unbedingt mal auf ihrer Homepage vorbeischaun.

OK, für diejenigen die euch noch nicht kennen, stellt euch doch mal kurz vor.
Annoyed waren 2000: Florentin am Gesang, Marco - Gitarre, Stammi-Bass und Björn am Schlagzeug.

Wie lang macht ihr schon zusammen Musik und wie seit ihr zum Punk gekommen?
Wir haben Ende 1993 Annoyed gegründet. Damals war Stammi allerdings noch nicht dabei, sondern ein Basser namens Dino, welchen wir aber 1997 gefeuert hatten. Stammi kannten wir schon länger er war wohl sowas wie ein Bandbegleiter und Mearchendiser. Bei der Gründung von Annoyed betrug unser Durschnittsalter zarte 16 Jahre aber wir hatten schon drei Jahre früher angefangen Krach zu machen. Zum Punk sind wir gekommen, durch unsere Unfähigkeit unsere Instrumente zu beherrschen. Eigentlich hätten wir lieber Trash-Metal gemacht und so mußten wir aus der Not eine Tugend gebären...

Hattet ihr damals bei der Gründung irgendwelche Vorbilder?
Bei der Gründung von Annoyed standen wir auf die ganzen Klassiker: Slime natürlich, partiell Toxoplasma aber auch Bad Religion oder die Dead Kennedys fanden wir geil.

Welche Bands hört ihr privat gerne?
Mittlerweile geht das in verschiedene Richtungen. Wärend Stammi eher klassischem Deutschpunk verschrieben ist (mit einer Plattensammlung, die sich sehen läßt) hört Marco mehr Crust, Björn mittlerweile kaum noch Punk als vielmehr Reggea, Hip- und Triphop und Florentin eher Ramonespunk und die Spitfire-Richtung.

Jetzt kommt wohl die Frage, die ihr in letzter Zeit schon öfter gehört habt, die Frage ist aber für ein Interview unausweichlich: Wieso habt ihr The Annoyed aufgelöst?
Obwohl ich weiß, das es interessanter wäre jetzt vom Leder zu ziehen, sind die Gründe denkbar unspektakulär. Wir haben uns menschlich auseinandergelebt und der Enthusiasmus ließ stetig nach. Ein anderer Grund ist aber auch, daß wir immer eine sehr politische Band waren und uns auch selbt als Agitatoren gesehen haben. Wenn man sich allerdings eingestehen muß einem Irrtum zum Opfer gefallen zu sein ist das natürlich bitter. Markus Wiebusch hat das im letzten Plastic Bomb sehr treffend formuliert: "Ich habe jeden Glauben an ein Wir verlohren [...], es gibt nur noch ein Ich [...]". Ein bißchen ist uns das eben auch so gegangen. Wir hätten auch weitermachen können, aber das wäre eine Lüge gewesen.

In welchen Bands spielt ihr jetzt nach der Auflösung von Annoyed?
Björn und Marco haben bislang keine neuen Bands, Marco spielt Bass bei UNCONTROLLABLE URGE und Gitarre bei REPROACH. Florentin ist zweiter Sänger und Gitarrist von RASTA KNAST.

Wie ist das jetzt eigentlich wenn es jetzt sogar einen Tribute Sampler an euch geben soll. Hättet ihr euch das zu Beginn jemals träumen lassen?
Zunächst muß ich mal anmerken, daß das ein Cassetten-Sampler wird und die Auflage auch nicht sehr hoch sein wird obgleich sich ein paar wirklich geile Bands beteilligen (Scattergun, Popperklopper, Radikalkur (A), Baffdecks, Rasta Knast...). Natürlich haben wir uns gefreut, daß sowas erscheint und ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, was die Leute aus unseren Songs so machen und wir werden auch ein bislang unveröffentlichtes Annoyed-Stück mit draufpacken. "Träumen lassen" wohl eher nicht, schon aufgrund der Tatsache, daß Annoyed auch im Nachhinein betrachtet keine wirklich wichtige Band war. Für uns-klar aber es gibt eine Menge Bands, die viel mehr bewirkt haben

Was war der Grund dafür, dass ihr eure letzte EP "Massenmenschenhaltung" wieder auf Freibeuter Records veröffentlicht habt? Die EP davor ist ja auf Bad Taste Records erschienen. Wart ihr mit denen nicht mehr zufrieden?
Das hat weniger was damit zu tun, daß wir mit Isleif nicht zufrieden waren als vielmehr, daß Isleif sich ein wenig zurückzieht aus dem Punkbereich. Dessen Label läuft langsam aus. Außerdem erschien ja schon die 1. Lp auf Freibeuter und wir kennen Markus schon lange. Das war auch alles ziemlich Hals-über-Kopf und auch keine Frage die Veröffentlichung Freibeuter zu überlassen.

Was haltet ihr von Bands wie z.B. Blink 182 oder Die Toten Hosen, die man heute pausenlos auf MTVIVA sieht und die man auch in jeder Bravo findet? Machen die eurer Meinung nach den Punk kaputt oder seit ihr derselben Meinung wie Sven (ex-EMILS), der sagt dass solche Bands neue Leute in die Szene locken?
Das hat beides seine Berechtigung. Zum Einen kommen tatsächlich durch diese Bands neue Leute in die Szene, zum Anderen tragen sie allerdings auch zu einem gewissen Teil die Verantwortung für das Verblassen der Konturen. Sobald die Industrie eine Subkultur wie Punk als Geldquelle entdeckt, wird alles ein wenig an Bedeutung verlieren. Rebellion als Marken artikel, Wut gelenkt un kalkuliert. Eine ätzende Entwicklung. Auf der anderen Seite denke ich, hat jeder so seinen Preis... Selbst die allermeisten Crustpunkbands wollen ihre Platten verkaufen und die allerwenigsten würden sich gegen Verkaufserfolg und somit persönlichen Gewinn wehren. Traurig aber wahr, traurig aber egal.

Was haltet ihr von der APPD. Würdet ihr für die APPD (z.B. für einen Wahlkampfsampler) einen Song aufnehmen? Oder haltet ihr die APPD (wie einige andere Bands) für Schwachsinn?
Die APPD ist lustig. Nein, wir würden keinen Song für die aufnehmen. Schwachsinn ist die APPD allerdings nur bedingt. Karl Nagel ist kein Idiot. Er benutzt die Leute um sich die Taschen voller Geld zu stecken. Für Nagel lohnt sich die APPD erheblich. Alle anderen fleißigen Mitarbeiter haben entweder eine gute Zeit oder nicht mehr alle Latten am Zaun.

Was haltet ihr von der zunehmenden Diskussion um Neonazis in Deutschland? Ich bin der Meinung, dass dieses Thema wie die Kampfhund-Diskussion nur hochgespielt wird, weil die Presse mal wieder ein paar Schlagzeilen braucht, aber dann wird es ganz schnell wieder vergessen und niemand sagt mehr was. Wie steht ihr dazu?
Ich denke, daß diese Diskussion zwar nicht wirklich ehrlich aber dennoch begrüßenswert ist. Natürlich haben wir hier nicht erst seit diesem Sommer ein Problem mit Neonazis. Aber besser spät als nie. Eventuell kann man den normalen Bürger für dieses Thema sensibilisieren. Auch eine Art von Verständnis für praktizierten Antifaschismus könnte sich hierbei einstellen. Natürlich profitiert die Presse ebenfalls von dieser Kampagne, doch halte ich es für nützlicher die Presse profitiert von Schlagzeilen deren Wirkung gut sein könnte als von solchen, die Probleme nur forcieren.

Würde eurer Meinung nach das Verbot der NPD etwas gegen den Rechtsradikalismus in Deutschland helfen. Ich glaube das würde eher das Gegenteil bewirken, und eher mehr Leute in die rechte Szene lenken, weil die dann denken sie sind "cool" wenn sie etwas verbotenes tun. Was meint ihr?
Kein einfaches Thema. Sicherlich könnte ein Verbot bewirken, daß Neonazis in den Untergrund gehen oder sich der eine oder andere orientierungslose Jugendliche in die Fänge der Ratten verirrt. Eine weitere negative Auswirkung könnte sein, daß diese doch relativ drastische Maßnahme gegen eine extremistische Partei natürlich auch gegen linke Zusammenhänge und Parteinen verhängt werden könnte. Will heißen, die Hemmschwelle repressive Maßnahmen gegen unliebsame politische Gegner einzusetzen könnte schwinden. Auf der anderen Seite wäre es positiv, um der NPD die staatlichen Gelder vorzuenthalten. Der Größte Sponsor dieser Partei ist nämlich der Staat. Eine unangenehme Vorstellung, daß dem braunen Abschaum vom Geld der Steuererzahler seit deren Gründung bereits mehrere Millionen DM zur Verfügung gestellt wurden. Aus diesem Grund tendiere ich persönlich zu einer Befürwortung des Verbots.

Glaubt ihr die Chaostage sind jetzt nur noch sinnlose Gewalt, oder glaubt ihr, dass die Chaostage dieses Jahr immer noch einen bestimmten Zweck verfolgten?
Ich glaube, daß die Chaostage nur einen Zweck verfolgen: nämlich Saufen und peinlich sein. Da ich das für einen durchaus nachvollziehbaren Grund einer Zusammenkunft junger adretter Menschen halte, haben sie auch eine absolute Berechtigung.

Wenn ihr auf Tour seid habt ihr sicherlich schon viele witzige Dinge erlebt. Könnt ihr hier mal ein oder zwei Beispiele nennen?
Schoten gibt's natürlich einige. Eine passierte im Cafe Planet in Hamburg. Wir kamen an, spielten einen passablen Gig und fingen an zu trinken. Ein Junkiepunk fing an Ärger zu machen und schlug unserem Gitarrero ohne viel Aufhebens in die Fresse. Die logische Konsequenz für den Agressor war selbstverständlich vertrimmt zu werden und des Geländes verwießen zu werden. Draußen verbrüderte sich jener mit einer ordentlichen Gruppe anderer Punks. Als wir aus dem Schuppen traten um unserer Forderung nach dessen verschwinden nochmals Nachdruck zu verleihen, gings richtig rund. Naja, wir waren schwer in der Unterzahl und haben deswegen auch verloren aber es war trotzdem ein sportliches Event der Extraklasse

Mit welchen Bands seit ihr auf Tour gewesen und mit welcher Band hattet ihr den meisten Spass auf Tour?
Wir haben natürlich einige Bands kennengelernt aber die mit Abstand geilsten sind SCATTERGUN, POPPERKLOPPER und RADIKALKUR (A) mit denen wir auch jetzt noch befreundet sind.

Wie steht ihr zum Thema Drogen?
Ich bin für die Freigabe von allen Drogen, ebenso wie jeder das Recht hat sich umzubringen. Ich persönlich denke, daß die meisten Drogen nicht wirklich schocken aber das muß jeder für sich entscheiden.

Was für eine Frage würdest du jetzt an meiner Stelle noch fragen?
Ich würde fragen:"Wie sieht´s denn so mit Sex aus als Punkmusiker?"

Und wie lautet deine Antwort?
Ganz gut.

Hier könnt ihr noch ein paar Schlussworte loswerden.
Zitat Boxhamsters:
"Dummparolen rumzuschreien haß ich einfach wie die Pest
Mein System kann ich nicht ändern, mein System heißt VHS
Ihr könnt die Idee nicht rauben, die ihr nicht erfunden habt
Punk wird immer alles dürfen, auch wenn´s unterm Gürtel war:"

Danke für das Interview.